Originalpackungen des Medikaments Contergan | Bildquelle: picture-alliance/ dpa

50 Jahre Contergan-Skandal Die Überlebenden kämpfen noch heute

Stand: 18.01.2018 04:49 Uhr

Das Schlafmittel Contergan hat bei Neugeborenen schwere Missbildungen verursacht. Vor 50 Jahren wurde der Prozess gegen den Hersteller eröffnet. Die Überlebenden kämpfen noch heute.

Von Antraud Cordes-Strehle, WDR

Andreas Meyer war sieben Jahre alt, als gegen den Contergan-Hersteller Grünenthal Anklage erhoben wurde. "Ich hab kurze Arme und kurze Beine", beschreibt sich der heute 57-Jährige selbst. "Der Prozess war für meine Eltern mit großen Hoffnungen verbunden: dass es zu einer Verurteilung der Firma Grünenthal kommen würde und dass daraus zivilrechtliche Ansprüche erwachsen könnten."

Der Contergan-Prozess war einer der größten Prozesse der damaligen Zeit. Zur Eröffnung des Hauptverfahrens gegen Grünenthal am 18. Januar 1968 standen der geschäftsführende Gesellschafter Hermann Wirtz sowie acht weitere Mitarbeiter der Firma vor Gericht. Sie waren angeklagt wegen vorsätzlicher und fahrlässiger Körperverletzung, wegen fahrlässiger Tötung und wegen schweren Verstößen gegen das Arzneimittelgesetz. Von den Geschädigten traten 312 als Nebenkläger auf. Es wurden rund 120 Zeugen gehört.

Andreas Meyer (Archivbild 2009) | Bildquelle: picture alliance / dpa
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"Der Prozess war für meine Eltern mit großen Hoffnungen verbunden." Andreas Meyer auf einem Foto aus dem Jahr 2009.

Vergleich und Einstellung des Verfahrens

Am 10. April 1970, nach über zweijähriger Verhandlungszeit, schlossen die Eltern der Geschädigten mit Grünenthal einen Vergleich. Das Pharmaunternehmen verpflichtete sich, 100 Millionen Deutsche Mark in die Stiftung "Hilfswerk für behinderte Kinder" zu zahlen, die später in "Conterganstiftung" umbenannte wurde. Die Eltern der geschädigten Kinder willigten ein, auf weitere Klagen zu verzichten.

Der Prozess gegen Grünenthal wurde eingestellt, aber erledigt ist der Fall für die noch etwa 2400 Überlebenden des Contergan-Skandals bis heute nicht. Auch nicht für Meyer. Er spricht mittlerweile für all diejenigen, die sich im "Bund Contergangeschädigter und Grünenthalopfer e.V." zusammengeschlossen haben. "Wir sind der Ansicht, dass der Ausgang des Prozesses auf politische Einflussnahme zugunsten des Herstellers zurückzuführen ist", sagt Meyer. "Und mit dem Stiftungsgesetz, das dann 1972 in Kraft trat, wurden wir quasi enteignet. Auch Folgeschäden können wir Grünenthal gegenüber nicht geltend machen“, beklagt er.

Eine Mutter im Gerichtssaal zeigt Reportern ein Bild von ihrem vermutlich durch Contergan geschädigten Kind. | Bildquelle: picture alliance / Wilhelm Bertr
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Prozess im Bergarbeiter-Casino "Anna" in Alsdorf bei Aachen. Eine Mutter im Gerichtssaal zeigt ein Bild von ihrem durch Contergan geschädigten Kind.

Kampf um Entschädigung

Aus den Grünenthal-Einzahlungen in die Stiftung wurden Entschädigungen sowie monatliche Renten ausgezahlt. Doch das Geld war schnell aufgebraucht. Der Bund sprang ein und kommt seit 1997 für die Conterganstiftung auf. Erst im Jahr 2009 leistete Grünenthal noch eine Sonderzahlung in Höhe von 50 Millionen Euro. "Grünenthal bedauert die Tragödie zutiefst", sagt Unternehmenssprecherin Fabia Kehren. "Wir übernehmen Verantwortung und haben eine eigene Stiftung ins Leben gerufen, die die Lebenssituation von Betroffenen unter anderem im Bereich Mobilität verbessern soll. Zum Beispiel werden Umbauten von Pkw, von Badezimmern oder Küchen finanziert", sagt sie. Über die Höhe der Summe, die an Betroffene oder in Projekte fließt, macht das Unternehmen keine Angaben.

Die Renten wurden über die Jahre angepasst und angehoben. "Doch vor 2008  habe ich als Schwerstgeschädigter nur etwa 750 Euro Rente bekommen", sagt Meyer. Das sei viel zu wenig gewesen. "Viele Geschädigte konnten kein Berufsbild entwickeln, geschweige denn einer Beschäftigung nachgehen", so Meyer.

Contergan-Prozess | Bildquelle: picture alliance / Horst Ossinge
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Justizbeamte bringen das Aktenmaterial in den Gerichtssaal. Am 27. Mai 1968 begann der Prozess gegen Mitarbeiter der Firma Grünenthal.

Verschleißerscheinungen und hohe Kosten

Seit 2013 erhalten Betroffene nun bis zu etwa 6000 Euro monatlich. Doch die meisten von ihnen gehen mittlerweile auf die 60 Jahre zu. Sie haben jahrelang zum Beispiel mit den Füßen Arbeiten erledigt sowie mit den Zähnen Verpackungen und Verschlüsse geöffnet oder Dinge getragen. Die Folge sind starke Verschleißerscheinungen der belasteten Gelenke - zum Beispiel des Rückens und des Gebisses, so Meyer.

Dazu kommen die Kosten für Behandlungen, Hilfen und Pflege. "Meine Toilette befindet sich zum Beispiel auf einem Podest. Da muss ich hochklettern", sagt Meyer. "Aber ich weiß nicht, wie lange ich das noch schaffe. Eigentlich müsste ich mir ein auf meine Behinderungen zugeschnittenes Haus bauen. Doch die Renten waren 40 Jahre lang zu niedrig, um etwas zu anzusparen." Die jetzt höheren Renten müssten deshalb länger als nur bis zum 60. Lebensjahr kapitalisierbar sein, sagt er.

Missstände und Forderungen

Außerdem herrschen Meyer zufolge im Stiftungsrat Missstände. Der Rat besteht aus Vertretern der drei Bundesministerien für Familie, Senioren, Frauen und Jugend, für Arbeit und Soziales, für Finanzen - und lediglich zwei Vertretern der Geschädigten. "Wir wollen nicht nur paritätisch vertreten sein, sondern in der Mehrheit", sagt Meyer. "Sonst werden wir ständig überstimmt. Wir Betroffenen wollen die Stiftung selbst verwalten."

Und noch eine Forderung ist Meyer wichtig. "Wir fordern vor dem Hintergrund unserer Erfahrungen ein Antikorruptionsgesetz. Nicht für uns, sondern für alle Bürger in diesem Land. Denn sie sind Mit-Opfer, weil sie mit ihren Steuern die Zeche für das Unternehmen Grünenthal zahlen müssen."

Über dieses Thema berichtete Deutschlandfunk Nova am 14. Januar 2018 um 19:03 Uhr.

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